Tourbillon
von Stiftung YOU COUNT
Höhlenbegehung NIDLENLOCH auf dem Weissenstein - Erlebnispädagogik im grossen Stil?
Ja und Nein.
Dankbar blicken wir auf einen ereignisreichen, freudvollen, emotional und sozial herausfordernden, lehrreichen Tag zurück. Neben der Ehrfurcht vor der Natur unter der Erde durften die Schüler bereits während des Abstiegs in die Höhle einen intensiven Kontakt mit sich selbst, ihren persönlichen Ängsten, individuellen Grenzen und Bedürfnissen im Zusammenspiel mit der Gruppe erleben. Die Tiefe von 407 Metern (unser Besuch ging 100 Meter tief), die Dunkelheit, die Enge und die Stille im Kontrast zur sonnig-warmen Aussenwelt im Frühlingserwachen auf 1'395 Metern. Im Wechselspiel zwischen Nervenkitzel, Zweifel, Verweigerung, Freude und Zuversicht. "Ich bin nicht allein. Wir sind ein Team. Ich nehme Rücksicht auf mein Gegenüber. JA, ich schaffe das. WIR schaffen das." Resilienzförderung. Partizipation.
Ein durchlebtes, erfahrenes Sinnbild für unser Leben, welches uns vergleichbar wellenartig begegnet. Die Dualität zwischen schwach und stark, Winter und Sommer, Angst und Mut, Tiefe und Höhe, Alleinsein und in Gemeinschaft sein, Aussichtslosigkeit und motivierter Tatendrang, Minderwert und Selbstvertrauen.
Im Dreier-Team bereiteten sich die Mitarbeiter und Schüler gemeinsam auf die zweite Höhlenbegehung im Nidlenloch vor. Eine Lernstandsüberprüfung des zurückliegenden Besuchs in Form von Zeichnungen, Recherchen im Internet, Ausarbeitung von Fragestellungen und Gesprächen im Vorfeld sowie auch in der Nachbereitung fand statt, um den Kindern ein ganzheitlich breites Lernfeld über diverse Ebenen zu ermöglichen, um Erlebtes optimal zu verinnerlichen. Das Ziel? Entstand mehrheitlich auf dem Weg.
Situationsorientiert und intuitiv liessen wir Lehrkräfte uns auf den Tag ein. Im Fokus: Selbstwirksamkeit, Freude/intrinsische Motivation stärken, Gemeinschaft, Kommunikation und Sozialverhalten. Ganz im Sinne von – wir arbeiten und nehmen, was sich situativ zeigt. Wir schaffen Raum, Zeit und lösen uns bedingt von vorgefertigtem Rahmenprogramm.
Die warme Suppe danach im Berggasthaus wurde bezahlt, jedoch nicht eingenommen, sondern durch restliches Picknick ersetzt. Die Jugendlichen dürfen noch weiter üben, sich in Gesellschaft den Gemeinschaftsregeln angepasst zu verhalten. So zeigte sich ihr Verhalten in der Höhle. "Wir hören und sehen dich. Nehmen dich ernst in deinem Handeln und in deinen Worten. You count. Deine Entscheidung zählt. "Wir Erwachsenen begleiten und unterstützen in einer liebevoll-konsequenten, festen, klaren Haltung. "Ich nehme dich bei deinem Wort. Ich nehme dich ernst." Der Erwachsene hält sein Wort - Das Kind erfährt Sicherheit, Respekt und Kongruenz.
Obwohl die Nahrungsquelle gesichert war, zeigte sich in diesem Fall der Hunger als ein sehr guter Lehrmeister. Dies verdeutlicht ebenso, dass es nicht immer ein besonders hypes, kostspieliges Event braucht, um hochwertige erlebnispädagogische Arbeit zu leisten. In der pädagogischen Gleichwertigkeit steht hier: DER WEG. Das meditative Laufen, die Gespräche währenddessen, der matschig-rutschig steile Hang, das Wandern querfeldein, möglichst ohne viel Material und Konsum den Tag zu gestalten. Der unverhofft entdeckt gefrorene See, Verstecken und Erschrecken, der kalte Winter oder die konstante Nässe einer Regenperiode.
Das Klettern auf Bäume, das Spiel und die Verbindung mit den Kindern durch freudvolle, lustvolle, einfache Erlebnisse, welche uns in der Natur zu Füssen liegen. Das gemeinsame Lachen, Freude fühlen am Feuer, das spontane Suchen nach Lösungen und Vorgehen, wenn der Kochtopf vergessen oder der Schuh nass wurde. Das Ausharren von Frust oder Zorn, wenn das Velo durch die Luft fliegt, die Gurke in den Wald geschmissen, ein Sitzstreik hingelegt, lauthals geflucht oder einfach nur unmotiviert und «motzig» dagesessen wird.
In der Erlebnispädagogik geht es nicht nur um das Endergebnis – sei es ein geschnitzter Schneebesen, eine erklommene Felswand oder eine zurückgelegte Strecke. Besonders wertvoll ist der Prozess des Erlebens selbst. Es geht darum, ins Handeln zu kommen, statt zu viel zu reden. Präsent zu sein und den Kindern zuzuhören, ohne sofort Lösungen anbieten zu müssen. Eine positive, wertschätzende Sprache ist dabei entscheidend. Anstelle eines "Aber…" kann ein "Und…" stehen, um Widerstand zu vermeiden. Ein "Sobald…" hingegen eines drohenden "Wenn,… dann…" kann helfen die Perspektiven zu öffnen, anstatt Druck und Gegendruck auszulösen. Kinder brauchen zwingend das Gefühl, gesehen und gehört zu werden – oftmals reicht bereits ein einfaches, zugewandtes "Ja, ich weiß…" oder ein mitfühlendes, nonverbales Nicken, um Sicherheit zu schaffen.
Scheitern ist ein natürlicher Teil des Lernprozesses. Wenn etwas nicht sofort klappt, üben wir weiter, mit Geduld und Wohlwollen. Gemeinsam reflektieren wir stetig, etappenweise und situativ das Erlebte, erarbeiten Fragen nach Gefühlen und Gedanken, setzen neue Ziele und gehen den nächsten Schritt.
Das Verhalten, welches ein Kind heute zeigt, hat seine Wurzeln mehrheitlich in vergangenen Erfahrungen. In der Erlebnispädagogik steht bei uns deshalb das soziale und emotionale Lernen im Mittelpunkt. Hier draußen, in der Natur, losgelöst von Stift, Papier, Schulbank, Leistungsdruck und Bewertung, können Kinder echte Selbstwirksamkeit erfahren – was sie zu starken, selbstbewussten, jungen Erwachsenen macht.
Stephanie Overney